Sonntag, 23 Dezember 2012 17:22

Sandra Waldemair, die Kuschler und das Junge Theater Ingolstadt

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SandraW290x435Sandra Waldemair ist die Schöpferin der kleinen Katze, die das Maskottchen des Jungen Theaters Ingolstadt werden wird. Noch ist das Stofftier namenlos, doch seit ein paar Wochen werden Vorschläge gesammelt. Vor Weihnachten noch wird sich die Leitungsrunde des Stadttheaters zur Namensauswahl zusammensetzen, fast möchte man schreiben die große Leitungsrunde: der Intendant des Stadttheaters, Knut Weber, Julia Mayr natürlich, als Leiterin des Jungen Theaters, die Dramaturgie mit Donald Berkenhoff, Gabriele Rebholz und Sophie Scherer sowie Sonja Druyen und Hannah Lau von der Öffentlichkeitsarbeit des Hauses. Aus einer Reihe von Vorschlägen, die über die sozialen Netzwerke und vom Theaterpublikum gemacht wurden, wird der Name für die kleine Theaterkatze ausgewählt werden. Auch Sandra Waldemair hat natürlich eine Idee für ihre Katze eingebracht und ist nun gespannt auf das Ergebnis. (s. unten UPDATE).

Wie kommt eine gelernte Optikermeistern dazu, beruflich alles zu ändern und sich dem Gestalten und Herstellen von Kuscheltieren zuzuwenden, dies zur neuen Erwerbsgrundlage und professionell zu machen?

 

Sandra Waldemair kommt aus der alteingesessenen Ingolstädter Optikerfamilie Waldemair. Mit ihrem Mann Gerhard führt sie ein Kontaktlinsen-Spezialgeschäft in der Tränktorstraße, das kleine, etwas irritierende „Ein Haus am See“. Irritierend, weil zusammen mit dem Architektenbüro nbundm*, u.a. mit Chris Neuburger, aus dem 34 qm-Raum eine besondere Raumkonstruktion geschaffen wurde, ganz in weiß, mir Schrägen und Ausschnitten. Der Raum wirkt surreal, mal unendlich groß, dann wieder klein und verschachtelt. Optisch wirksam, wie eben auch Kontaktlinsen. Jeder, der mal in der Tränktorstraße unterwegs war, stand schon davor und hat interessiert hineingeschaut. Es spricht für die besondere Qualität, dass Bayerns Architektenkammer diesen Ladenumbau für ihre Publikationsreihe "Architektouren" ausgewählt hat. Das kleine Kontaktlinsengeschäft ist übrigens in dieser Form bald Vergangenheit. Auch Optikermeister Gerhard Waldemair wird sich beruflich umorientieren und künftig etwas Anderes machen, das im kreativwirtschaftlichen IT-Bereich liegen wird. Und so ist das neue Theatermaskottchen gefüllt mit Ingolstädter Geschichten - herrlich!

Für Sandra Waldemair hat die Umorientierung vor etwa 2 Jahren begonnen. Zunächst mit einem privaten Geschenk für einen lieben Freund. Dann wurde mehr daraus. Ihre Freude am Gestalten, ihre Liebe zu Details, Formen und logo220x96Materialien und ein präzises handwerkliches Geschick brachen sich Bahn. „Ich habe mich richtig ausgelebt!“ schildert sie immer noch begeistert die Tiere und Details die sie entworfen hat und ihre Erfahrung mit nahezu unerschöpflicher Schaffensfreude. Zunächst war das noch eher zur Dekoration für das Optikergeschäft, darüber hat es sich dann rumgesprochen, es entstand Nachfrage. Sandra Waldemair schuf seither viele verschiedene Kuschler, die immer auch sofort verkauft waren. Sie perfektionierte nach und nach die Kindersicherheit: das Innenleben wurde extra genäht für die kleinteilige Füllung, darüber dann kam Hülle, die Stoffe sind hochwertiger Nicki-Stoff, farbecht, voll waschbar. Es wurde Gewerbe angemeldet und im „Haus am See“ ausgestellt und verkauft – eine bunte Insel in dem Meer aus Weiß.

„Ich wollte immer ein volles Lager haben und mit vielen Kuschlern füllen, doch die waren dann immer alle sofort weg!“ beschreibt sie die rasante Entwicklung. Sie kam nicht mehr hinterher. Das hat sie dann auch bewogen, sich Gedanken zu machen, wie viel Zeit vor allem in der Fülle der verschiedenen Formen steckt, die sie im Lauf der Zeit entwickelt hat. „Das kann man eigentlich gar nicht mehr bezahlen.“ Hier war wohl der Punkt, an dem sie sich zum einen entschied, die Kuschler nun ganz zu ihrer Profession zu machen und die Optikermeisterin aufzugeben. Es machte ihr ungeheuren Spaß, sie hatte großen Erfolg. Doch sie musste auch konzeptionell etwas ändern, um ihre Kreativität und wirtschaftliches Denken zusammen zu bringen.

www.kuschler.de

Es ließe sich jetzt noch vieles berichten, über Stoffgeschäfte etwa, die Sandra Waldemair in jeder Stadt magisch anziehen. In Wien fand sie so einen schönen Bio-Nicki-Stoff, den sie gleich verarbeitete. Ihre Haupt-Stoffquelle ist allerdings ein Fachgeschäft in der Region, in Buxheim. Sie liebt Stoffe, Materialien, Vielfalt und das Leben überhaupt. Man könnte ihr ewig zuhören und überlegt innerlich, ob man etwas ihrer wunderbar glücklichen Ausstrahlung, ihres Charismas vielleicht einfangen und eine Erinerung daran mit heimnehmen könnte, wenn man sich so einen kleinen Kuschler kaufte...

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Sandra Waldemair hat sehr schön den Weg geschildert vom ersten, herrlichen Ausleben ihrer schöpferischen Kraft zum wirtschaftlichen Denken und zur beruflichen Neuorientierung. „Es war schon ein Prozess für die Kuschler überhaupt Geld zu verlangen.“ sagt sie nachdenklich. Dann die Frage, wie viel ist ein Kuschler wert? Was müsste er (eigentlich) kosten, wenn man die Arbeitsstunden plus Material der handgemachten Unikate rechnet. Was müsste einer kosten und wie viele müssten sich verkaufen, wenn sie davon künftig leben wollte. Sie überlegt, die Komplexität und Vielfalt zu reduzieren, die Rohlinge nähen zu lassen, um sich mehr dem Design, der Endherstellung und den Details widmen zu können - schon die Überlegung wirkt wie eine kleine Trennung, doch sie sieht es sofort auch wieder sachlich. Trotz ihres Erfolges war ihr Umfeld eher verwundert über ihre Idee, Stofftier-Design und -Herstellung zum Beruf zu machen, wo sie doch etwas „Richtiges“ gelernt hatte. Der Wert von Kreativität in der Gesellschaft sei nicht sehr hoch, sinniert sie.

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Sandra Waldemair reduziert und vereinfacht schließlich und entwickelte eine Urform des Kuschlers, die Katze. Mit runden Ohren und leichten Veränderungen wird aus dieser Urform ein Bär, mit langen Ohren ein Hase. So konnte sie einfachere Rohlinge nähen und diese mit Farben, Materialien, Details variieren. Weiterhin ist jeder Kuschler ein Unikat, in dem viel Liebe zum Detail steckt. Kuschler.de - Handmade in Germany kündet ihr Label.

Zwei Jahre sind vergangen seit dem ersten Stofftier als Geschenk bis zur beruflichen Neuerfindung der dreifachen Mutter und selbstständigen Optikermeisterin. Jetzt gerade ist sie im nochmaligen Umbruch zur weiteren Professionalisierung. Es ist für sie daher schon etwas sehr Besonderes, dass genau in dieser Phase und geradezu bestätigend die Anfrage vom Stadttheater kam.

Über das „Haus am See“ wurde nämlich Julia Mayr, die Leiterin des Jungen Theaters auf die Tiere aufmerksam. Zufall oder nicht, dass die Kuschler-Verkaufsstelle direkt auf dem Weg vom Büro des Jungen Theaters zu Bar Centrale liegt, wer weiß. Julia Mayr jedenfalls wollte ein Junges-Theater-Maskottchen. In Anlehnung an das Ingolstädter Wappentier hatte sich das Team als Tier bereits den Panther ausgesucht und dieser begleitet seither das Kinder- und Jugendtheater auf Plakaten, Programmen und Webseiten - mal drollig, mal gelasssen, mal wachsam oder gefährlich.

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„Mach uns doch einen Panther“ so Julia Mayrs Wunsch an die Kuschler-Gestalterin. Sandra Waldemair hat dann auch lange an einem Panther gearbeitet, vieles hat sie dazu ausprobiert und überlegt. Es wurde schließlich doch ihre Urform, die Katze, speziell variiert für das Junge Theater mit Panther-Applikationen. „Das war einfach am schönsten,“ meint sie und mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.

UPDATE am 20. Dezember: die Pantherkatze des Jungen Theaters Ingolstadt heißt jetzt Patze!

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Sandra Waldemair mit einer Kuschler-Auswahl beim K10-Gespräch im Theater

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Bilder:
Stadttheater Ingolstadt (versch. Panther und Logo Junges Theater), Kuschler-Bilder von Sandra Waldemair

 

 

 

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