Dienstag, 17 September 2013 10:37

Ludwig Hauser erhält Kunstpreis Ingolstadt 2012

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Ludwig Hauser wurde der Kunstpreis der Stadt Ingolstadt 2012 verliehen. Zahlreiche Gäste aus Kultur, Kunst, Politik nahmen daran teil und blieben auch nach dem offiziellen Teil des Abends noch lange, um gemeinsam zu feiern. Darunter die Kunstpreisträger Pius Eichlinger, Matthias Schlüter, Michael Graßl, Tom Neumaier, Chris und Matthias Neuburger von SLUT und (Kunstförderpreis 2004) sowie Kulturpreisträger Dr. Siegfried Hofmann. Auch Künstlerinnen und Künstler des BBK – Gerda Biernath, Dagmar Hummel, Viktor Scheck, Klaus von Gaffron, Konrad Risch  – gaben dem Preisträger an diesem Abend die Ehre. Oberbürgermeister Dr. Alfred Lehmann überreichte gut gelaunt die Urkunde.

Die Laudatio zum künstlerischen Schaffen nahm Kulturreferent Gabriel Engert vor, mit einer Würdigung die in dem vielschichtigen Werk den Künstler, seine Haltung und Wirkungen aufspürte und sowohl die Gäste als auch den Künstler sichtlich bewegte.

Die Laudatio von Gabriel Engert zur Kunstpreisverleihung an Ludwig Hauser

Wie nähert man sich im Rahmen einer Laudatio dem Bildhauer und Künstler Ludwig Hauser? Wie beschreibt und erklärt man sein künstlerisches Anliegen, den Ansatz, der die vielen öffentlichen Aufträge, Arbeiten und Grabsteine zusammenbindet und trägt? Und wie kommt man der Person Ludwig Hauser näher, ihren Beweggründen und Motiven, aus denen heraus die Kunstwerke entstehen. Denn Werk und Person sind bei Ludwig Hauser eng verbunden, sie sind eine untrennbare Einheit.

Bei allen handwerklichen Fähigkeiten, steht Ludwig Hauser immer mit seiner gesamten Person hinter einer Arbeit, die er ausführt, ist ihm jede Arbeit ein persönliches Anliegen. Ludwig Hauser kann für meine Begriffe überhaupt nicht anders arbeiten als mit vollem, persönlichem Einsatz. Deshalb hat er sich auch immer wieder dazu entschlossen, seine Bildhauerwerkstatt nicht zu vergrößern und Mitarbeiter einzustellen. Denn die Beschäftigung einiger Mitarbeiter hätte wirtschaftliche Zwänge, Verpflichtungen und Abhängigkeiten zur Folge gehabt, es hätten lukrative Aufträge akquiriert werden müssen.  Ludwig Hauser möchte sein eigenes künstlerisches Anliegen verwirklichen, ohne Rücksicht nehmen zu müssen auf die Erfordernisse eines Handwerksbetriebes mit mehreren Mitarbeitern. Die Annäherung an Person und Werk von Ludwig Hauser ist also nicht ganz einfach, nein sie ist durchaus kompliziert, wie bei Ludwig Hauser manches kompliziert ist und zunächst auch von ihm scheinbar kompliziert formuliert wird. Deshalb möchte ich mit Ihnen eine Annäherung in Stufen versuchen.

Stufe 1: Die Biografie Ludwig Hauser wurde 1959 in Rosenheim geboren, wo sein Vater sich mit einem Steinmetzbetrieb selbständig gemacht hatte, der seine Tätigkeit von der Betonwerkstein- und Terrazzohersteller zunehmend zur Natursteinverarbeitung weiter entwickelt hat. Diesen Betrieb hat später der jüngere Bruder von Ludwig Hauser übernommen. Nach einer Steinmetzlehre bei einem Bildhauer in Au bei Bad Feilenbach verließ Ludwig Hauser mit 22 Jahren den Familienbetrieb und machte sich auf die Suche nach seinem künstlerischen Weg. Dabei führte ihn der Weg nach Marching, wo er in einem Steinbruch und Steinwerk arbeitete. Der Raum Ingolstadt war für ihn von der Entfernung zu Rosenheim her ideal gelegen, die Donau und die Flusslandschaft beeindruckten ihn und ersetzen ihm, wie er selbst sagt, die Berge Rosenheims. Der reduzierte und karge Baustil der Stadt Ingolstadt hat ihn fasziniert und der Steinabbau in der Region interessiert. Die Arbeit im Steinbruch bzw. im Steinwerk sieht er selbst als intensivste Lebenszeit an. Er entschied sich gegen die Akademie und für das Handwerk und nutzte die ruhige Winterzeit, um sich autodidaktisch intensiv mit Kunst auseinanderzusetzen. Seine erste Arbeit in Ingolstadt war übrigens die Sanierung einer Schießscharte im Reduit Tilly. Vom Steinbruch führte der Weg weiter zur Meisterschule nach München, die Hauser als Steinmetzmeister und Bildhauermeister verließ, auch den Abschluss als staatlich geprüfter Steintechniker legte er ab. Anschließend ging es zurück nach Vohburg, wo er mit drei Steinmetzen gemeinsam eine Werkstatt betrieb. 1989 folgte der Umzug nach Ingolstadt, eine Stadt, die ihn bis heute anzieht und ihn zugleich auch immer wieder zur Auseinandersetzung herausfordert. 1988 war er Gründer und Mitglied der Kunst-Kooperative „Kunst und Projekt“ und von 1995 bis 1998 Vorsitzender des Berufsverbands bildender Künstler Ingolstadt und Oberbayern Nord. Er betrieb eine Steinbildhauerwerkstatt in der Kurt-Huber-Straße und hat nun Atelier und Wohnung in der Peisserstraße. Ludwig Hauser hat eine große Anzahl von Kunstwettbewerben gewonnen und für den öffentlichen Raum, ganz besonders in Ingolstadt viele Arbeiten realisiert, womit wir uns der Stufe 2 unserer Annäherung zuwenden können:

Stufe 2: Werke in Ingolstadt Es gibt wenig Künstler, die im öffentlichen Raum Ingolstadts so intensiv und nachhaltig vertreten sind wie Ludwig Hauser. Einige Arbeiten möchte ich im Folgenden kurz in Erinnerung rufen: Die Viktualienmarkt-Vitrine wurde 2012 fertiggestellt. In Form eines Vitrinenkörpers ist dort die bronzene Gedenkplatte aufgestellt, die die Erinnerungen und das Gedenken an die Kirche des Augustinerklosters und die Menschen, die dort im 2. Weltkrieg unter den Trümmern der durch Bombentreffern schwer beschädigten Kirche zu Tode kamen, wachhält.  Aufrecht auf die Glasflächen sind Informationen zur Geschichte des Viktualienmarktes aufgebracht, so dass sich in dieser Vitrine und der Präsentation der Bodenplatte die vielfältige Geschichte dieses Ingolstädter Platzes spiegelt, in ihren Brüchen, Katastrophen und Chancen nachvollziehbar wird. Die Sitzskulptur „Fleißerstein“ am neuen Donaustrand südlich der Kurt-Huber-Straße wurde 2011 aufgestellt. Sie ist die 3. Station des Donauexkursionspfades, den Ludwig Hauser entwickelt hat und ist mit dem eingravierten Text „Eine Freude in ihrem Leben“ Marieluise Fleißer gewidmet. Die Arbeit „Schuttersteg“ aus dem Jahre 2008 markiert die  Einleitung der Schutter in die Donau und gibt zugleich Informationen über den Schutterlauf. Sie weist auf den Fluss hin, der über viele Jahrhunderte für die Stadt von großer Bedeutung war und heute optisch verschwunden und für viele vergessen ist. Die Sitzskulptur aus Jurakalk am nördlichen Donauufer aus dem Jahr 2007 ist ein Treffpunkt nahe des Spielplatzes und der Wohnung der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft und thematisiert mit ihren kreisrunden, blauen Lichteinschlüssen die vorbeifließende Donau. Diese Idee prägte bereits die Arbeit „Lichtsteine“ aus dem Jahr 2006, dem Jahr des Stadtjubiläums. 365 Steine von faustklein bis zu 20 Tonnen schwer wurden bildhauerisch bearbeitet und mit blauen Lichteinschlüssen versehen. Die Steine sind entweder aus Jurakalk oder Kiesel, den beiden Gesteinsschichten, die in Ingolstadt an der Donau zusammenstoßen. Die Arbeit steht in komplexer Weise für die Stadt am Fluss und ihre Geschichte. Zugleich ist sie ein Vernetzungsprojekt für die Bürger der Stadt, die diese Arbeiten gekauft haben und nun an verschiedenen Standorten in Ingolstadt aufgestellt haben. So wird in dieser Arbeit die Geschichte der Stadt, die geologische Situation, die Bedeutung der Donau und die Vernetzungen der Bürgergesellschaft thematisiert. Das alte Messpegelhaus hat Ludwig Hauser 2006 durch die Gestaltung mit silberner Farbe, Licht und Glas zu einem Ausstellungsraum umgestaltet und damit Ingolstadt kleinsten Ausstellungsraum am südlichen Donauufer geschaffen, der seitdem mit Ausstellungen zur Donau und zur Stadtgeschichte bespielt wird.

Die Arbeit „Kein Mikado“ entstand 2005/2006 als Lichtstele an der Herschelstraße, die aus einem Wettbewerb der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft hervorging. In der Mitte des neu geschaffenen Gemeinschaftsplatzes zwischen den Wohnblöcken ragt eine 12 m hohe leicht geneigte Stahlstele in den Himmel. Ab 3 m Höhe ist sie mit Farblichtringen, Acrylglasscheiben mit moderner LED-Technik bestückt. Deren 321 Segmente - genauso viele wie es Wohnungen in den Häusern gibt -  wurden nach den Wünschen der Wohnungsmieter zeitlich und farblich programmiert. Für jede Wohnung leuchtet nun für jeweils 5 Minuten zur vom Mieter bestimmten Zeit seine aus 255 möglichen Tönen gewählte Lieblingsfarbe. Die Bewohner schaffen so ihr eigenes, sich immer wieder veränderndes Farbspektrum und kommunizieren 24 Stunden lang per Licht miteinander.

Neben den genannten Arbeiten wären noch der Projektraum „Europäisches Donaumuseum“ aus dem Jahr 2004, die Steinboote am Wasserwirtschaftsamt aus dem Jahr 1999/2000 und die Granit-Quader zur Landesgartenschau von 1992 am Bachlauf durch den Klenzepark kurz hinter dem Brunnen zu nennen. Dort schaffen flankierende Quader scheinbare Engstellen. Ihre Form scheint durch das fließende Wasser bestimmt, dass sich seinen Weg durch den Stein sucht. Erwähnt werden muss auch die Ausstellung „Alles ist erreicht“ aus dem Jahr 1991 in der damaligen Schubsa-Halle. Hauser hat diese Ausstellung zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Ingolstadt gemeinsam mit der Stadt und dem Deutschen Gewerkschaftsbund konzipiert und visuell realisiert. Die Ausstellung war ein großer Erfolg. Wenn man die genannten Arbeiten, die durch eine große Zahl weiterer Realisierungen bei Wettbewerben oder Aufträgen außerhalb Ingolstadts ergänzt werden könnten, Revue passieren lässt, kreisen sie alle um Themen wie Spurensuche, um die Frage nach der Herkunft von gesellschaftlichen, historischen und naturgegebenen Zusammenhängen, in denen der Mensch sich bewegt. Die Verortung des Kunstwerkes, die Bezüge in denen es steht, die Aussage, die getroffen werden soll, sind dabei entscheidend für die Materialwahl und Formensprache, die von nichtgegenständlichen Bearbeitungen der Oberfläche, der Herausarbeitung von Bruchstellen bis zu figürlichen Andeutungen und Elementen reichen kann. Ich denke immer noch gerne an die Arbeit zurück, die Ludwig Hauser bei einem Symposium in Carrara Ende der 90iger Jahre erstellt hat. An der Spitze einer ca. 3 m hohen blockhaft gestalteten Marmorsäule war ein weißer Gartenstuhl herausgearbeitet, so exakt, dass man das Gefühl hatte, einer der Millionen weißer Plastikstühle, wie wir sie alle kennen, wäre dort oben hingestellt worden. Dass auch diese Arbeit gekonnt auf den Standort Bezug nimmt und die Italien- und Freizeitphantasien von uns allen reflektiert, sei nur am Rande erwähnt.

Stufe 3: Die Sepulkralkultur Die Sepulkralkultur ist ein zentrales Arbeitsgebiet von Ludwig Hauser, mit dem er sich über den gesamten Zeitraum seiner künstlerischen Tätigkeit hinweg beschäftigt hat. Grabsteine haben eine hohe Zeichenhaftigkeit, sie sind Ausdruck für die kulturelle Gestaltungskraft und Situation einer Gesellschaft, denn sie sind ein wesentliches Zeichen dafür, wie eine Gesellschaft mit dem Thema Tod umgeht, das das menschliche Leben strukturiert und bestimmt und dem Mensch beständig die Frage nach seiner Sinnhaftigkeit aufdrängt. Hauser wendet sich gegen den heute auf Friedhöfen üblichen Umgang mit dem Thema Grabstein und begreift diesen als gesellschaftlich symptomatisch. Dazu zwei Zitate von Hauser aus einem Aufsatz in der Zeitung Hephaistos.  „Wer ohne Innungszwang und ohne ökonomisch verfärbte Sichtbehinderung die Entsetzlichkeit der genormten Friedhofsabteilungen betrachtet und sich dann ganz langsam vergegenwärtigt, dass diese Ansammlung von polierten Steinklötzen und diese Zuchtordnungen von Pflanzenimitaten das vorläufige Ergebnis unserer geistigen und fachlichen Möglichkeiten am Ende des zweiten Jahrtausends repräsentieren, und wer dann auch noch daran mitarbeitet, der schämt sich doch eigentlich schon, mit dabei zu sein.“ Und das zweite Zitat:  „Setzen Sie sich also dafür ein, dass die Grabsteine verboten werden. Fordern Sie eine Begründung dafür, wenn jemand einen Stein aufstellen will. Akzeptieren Sie, dass Standfestigkeit und Fundament nicht nur statische Formeln mit etwas Beton drunter sind, sondern ein Raster vorgeben, dem jeder einzelne Mensch früher oder später unterliegt.“ Dieser Auffassung des Grabmals setzt Hauser seine eigenen Vorstellungen entgegen. Auch dazu ein Zitat: „Es geht schlicht und einfach darum, dass ein Grabstein immer wieder, jeder, erst erfunden werden muss.“ Hauser fordert den Grabstein, der der Individualität des Gestorbenen und den Vorstellungen der Angehörigen gerecht wird, der sich sensibel mit dem Leben und dem Sterben des Betroffenen auseinandersetzt, er fordert einen Grabstein, der nach dem Sinn des jeweiligen Lebens fragt und Zusammenhänge verdeutlicht. So entstehen meistens „Stelen mit sicheren Proportionen und sensibler Bearbeitung, mit Aufbrüchen, sorgfältiger Oberflächenbearbeitung und von Fall zu Fall auch mit zurückhaltendem, figürlichen Schmuck. Man findet vor allem die Stelenform, die Stele als Bild führte den aufrecht durchs Leben gehenden Menschen, individuelles Zeichen für eine einmalige Person. Kein Menschenleben verlief freilich geradlinig. Menschsein hat mit Gebrochenheit zu tun. Auf genau auf diese Tatsachen verweisen die Grabzeichen von Ludwig Hauser.“ (Horst Wanschek, Der Bildhauer Ludwig Hauser, Zeitschrift „Stein“)

Wenn man unsere 3 Stufen der Annäherungen zusammenfasst, geht es Hauser in seinen Arbeiten um einen sensiblen Umgang mit der Welt und den Menschen. Es geht um Sensibilisierung und Wurzelsuche, um das Offenlegen von Zusammenhängen und das daraus entstehende Verständnis. Das Verständnis entsteht im Betrachter, der sich mit der Kunst und ihren Anliegen auseinandersetzt. Hauser geht es ganz wesentlich darum, dass die Kunst nicht nur auf dem Podest stattfindet, sondern dass sie in den Alltag der Menschen übersetzt wird. Für ihn steht nicht die Frage nach der Gängigkeit von Werken auf dem Kunstmarkt im Mittelpunkt, sondern das Weiterdenken, das Hinterfragen und die Suche nach Antworten. Für ihn stellt Kunst Fragen und weist Wege zu Antworten, zu authentischen Antworten. In diesem Sinne ist die Kunst Hausers ein Erkenntnisinstrument, sie erzeugt über das Verstehen hinaus, Sensibilität und Achtsamkeit, eine Kunst die die Conditio humana sucht und an ihr arbeitet.

Hauser konfrontiert uns mit der Frage nach uns selbst. Wo kommen wir her, was sind unsere Wurzeln, in welchen Beziehungen und Verflechtungen leben wir, wo kann ein Lebensweg sinnvoll hinführen. Dieses Anliegen verfolgt Wik Hauser mit seiner ganzen Person ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Zwänge, Normen, Gewohnheiten oder Tabus und oft auch ohne Rücksicht auf seine eigenen, ökonomischen Interessen. Damit eckt er in der Stadtgesellschaft mitunter an, denkt quer und stellt unbequeme Fragen. Ich glaube, dass eine Stadtgesellschaft genau solche Menschen und Künstler braucht, um sich selbst immer wieder zu hinterfragen, um offen zu bleiben für das Wesentliche und für die Zukunft. Ich gratuliere Wik Hauser zur Verleihung des Kunstpreises der Stadt Ingolstadt und wünsche ihm und uns, dass er weiter mit seinen Arbeiten unbequeme Frage stellt, uns fordert und so dazu beiträgt, dass die Stadtgesellschaft lebendig bleibt. Gabriel Engert, Galerie im Stadttheater, 12. September 2013

 

 

 

 

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