BB Theater 348Ingolstadt | Theaterintendat Knut Weber, Stadtbaurätin Renate Preßlein-Lehle und Kulturreferent Gabriel Engert hatten eingeladen, zum ersten Abend der Bürgerbeteiligung für die neuen Kammerspiele des Stadttheaters in Ingolstadt. Sind wir noch „vorher“ oder ist schon alles entschieden? Das war eine der zentralen Fragen einer guten, ebenso interessierten wie kontroversen Diskussion mit mehr als 100 Beteiligten. Auch ein Appell zog sich mehrfach durch den Abend, gleichermaßen an die Planer, an Verwaltung und Bürgerschaft: Mehr Pfeffer! Als Ermutigung, das Areal um das Baudenkmal Stadttheater urban zu entwickeln, Plätze und Donaubeziehungen nach vorne zu denken. Als Plädoyer für innovative Architektur und dafür, etwas zu bauen, das Charakter hat. Mehr Pfeffer auch für das Bürgerengagement: nicht nur einmal kommen und schauen, sondern dabeibleiben, sich einbringen und die neue Entwicklung auch kritisch begleiten. Raus aus den Wohnzimmern, rein in die Bürgerbeteiligung, so Florian Straub.

Kulturreferent Gabriel Engert und Stadtbaurätin Renate Preßlein-Lehle skizzierten den Stand der Dinge. Mit mehr oder weniger Skepsis hatten sie sich an die neue Standortüberlegung gewagt, sich an den Theaterparkplatz östlich und den bereich südlich des Theaters herangedacht. Die städtebauliche Situation vor dem Neuen Schloss und an der Altstadt ist natürlich hochsensibel, Denkmalschutz und Urheberrechte werden berührt und es ist die Schokoladenseite, die schönste Silhouette der Stadt. Viele Blickbeziehungen und Sichtachsen auf das Schloss führen über den angedachten Standort.

Unbestritten: Dringender Sanierungsbedarf

Intendant Knut Weber plädierte klar dafür, dass die Kammerspiele als neues „Kleines Haus“ des Theaters in die Innenstadt gehören. Bildreich schilderte er den Sanierungsbedarf des Gebäudes, das bei den Theaterproduktionen allen Beteiligten viel Langmut und Organisationsgeschick abverlange und gerade im Malersaal und in den Werkstätten eigentlich nicht mehr zumutbar sei, von den Risiken mal ganz abgesehen. Das kleine Haus am Brückenkopf sei kaum noch bespielbar, fast schon unhygienisch. Ein Schandfleck. Unstrittig also: Sanierung möglichst bald und ein Neubau fürs Kleine Haus! Die Idee in direkter Nachbarschaft zu bauen, sei ideal für das Theater und könne den ganzen Bereich urban aufwerten. Neue Aufenthaltsflächen, lebendige Plätze würden die Kammerspiele begleiten, man könne die Stadt und das Haus zur Donau öffnen. Zudem wäre hier vorübergehend die Ersatzspielstätte, während das große Haus saniert würde. Weber betonte die soziale Funktion eines solchen Theaterzentrums, sprach von einer künftigen Bürgerbühne und dass so ein Kulturort der „Unterhaltung“, in doppeltem Wortsinn, eine ganze Stadt zusammenhalten könne. Für die Situation des neuen Hauses zwischen den beiden Baudenkmälern Stadttheater und dem Neuen Schloss müsse allerdings schon eine Architektur kommen, die der Qualität des Bestehenden standhalten könne. Keine leichte Aufgabe, so Weber, in Ingolstadt …

Alles schon entschieden?

Kritische Stimmen kamen dann sehr deutlich von den beiden Stadtheimatpflegern Ottmar Engasser und Tobias Schönauer. Sie warnten davor, die Sichtachsen zum Schloss und überhaupt diesen sensiblen Standort zu verbauen. Sie plädierten für einen Standort im Klenzepark. Dieser war schon einmal geplant worden, wurde zuletzt jedoch aus verschiedenen Gründen verworfen, warum darauf ging der Kulturreferent im Anschluss nicht so genau ein – Grundstücksprobleme, zu weit weg vom Haupthaus, städtebauliche Bedenken. Engasser war, vor allem nach den schlechten Erfahrungen des Denkmalschutzes auf dem Gießereigelände (Kongresshotel) auch sehr skeptisch, ob man sich tatsächlich von dem Standort am Theater zurückziehen würde, wenn der geplante Ideenwettbewerb zeigen würden, es sei nicht gut, dort zu bauen. Er befürchtete, dass dann das Zeitargument gespielt würde und eine schlechte Lösung entstehen könnte, auch weil, so seine Wahrnehmung, "der Intendant sich bisher immer durchgesetzt habe.“ Letzteres löste heiteres Erstaunen aus, doch die Skepsis was den Denkmalschutz betrifft teilten einige im Publikum und auch, dass die Gefahr bestehe, dass der Neubau eben nicht gelänge. Auch Raimund Köstler von „High Noon“ unterstrich die Bedenken, wobei auch er den Standort als "eigentlich schon entschieden" ansah.

Stadt weiterbauen

Die Antwort darauf, ob man sich nun bereits in der konkreten Planung befände, ob die Entscheidung schon oder eigentlich schon gefallen sei oder ob es doch noch „vorher“ sei, beantworteten Stadtbaurätin und Kulturreferent: Jetzt würden als Erstes die technischen Daten erhoben, die Belastbarkeit der Tiefgarage festgestellt, das Raumprogramm und der räumlich Umgriff festgelegt. Dann würde man in einen internationalen Planungswettbewerb gehen und sich so konkrete Ideen vorstellen lassen, wie die Herausforderung gelöst werden könne. Hier kämen dann der Denkmalschutz, der Freistaat als Grundstücksbesitzer und auch das Urheberrecht zu Wort. Das seien die nächsten Schritte. Dann erst könne der Stadtrat sich mit der Entscheidung festlegen, ob der Standort bebaut werden kann und soll. Etwa ein Jahr würde dieser Schritt beanspruchen. Kulturreferent und Intendant waren dabei zuversichtlich, dass man den besten Standort für die Kammerspiele habe. Stadtbaurätin Preßlein-Lehle war noch sehr vorsichtig. Sie bezog sich dann jedoch auch auf Hardt-Waltherr Hämer selbst, den Architekten des Theaters. Er habe immer betont, dass Städte sich entwickeln und weitergebaut werden müssten. Man könne und müsse sich, so Preßlein-Lehle, dabei zunächst einmal keine Denkverbote leisten und offen sein für die Ideen aus dem Wettbewerb.

Keine Denkverbote

Positive Stimmen aus der Bürgerschaft betonten die Chancen, die in einer Weiterentwicklung des Areals rund um das Stadttheater liegen könnten. Von der Schutterstraße bis zum Kavalier Dallwigk könnte eine Reihe neuer Plätze, hin zur Altstadtmauer eine Grünfläche mit dem alten Schutterlauf entstehen, die Donauufer könnten einbezogen werden.

Neue Plätze, zur Donau öffnen

Architekt Alexander Häusler (Büro OFICINAA) könnte sich  mit dem Bau der Kammerspiele eine Neuordnung des gesamten Areals dort vorstellen. Mit vergleichsweise wenigen Mittel könnte die Donau so näher an die Stadt kommen und das Leben könne sich auf vier verschiedenen städtischen Plätzen rund um die Theaterhäuser bis zum künftigen Gründerzentrum im Kavalier Dallwigk (Gießereigelände) entwickeln. Er begrüßte die Untersuchung des Standortes und erinnerte an den städtischen Ideenwettbewerb zu den "Danube-Parks" (unten eine Ideenskizze aus dem Wettbewerbsbeitrag von Oficinaa, 3.Preis, zur Veranschaulichung). Eine Chance, so Häusler, die man nicht liegenlassen sollte. Das sah auch Ralf Buchhold so (Vorsitzender Theatergemeinde Ingolstadt), der es sehr unterstütze, dass das gesamte Areal untersucht würde, um die Stadt dort aufzuwerten. Architektin Monika Färber wünschte sich ein modernes, innovatives Gebäude und keine Architektur mit angezogener Handbremse. Mehr Pfeffer für mutiges Bauen, meinte auch eine andere Diskutantin, und mal nach vorne Denken, schließlich werde das Schloss ja nicht abgerissen!

oficinnaa skizze

Chancen für Entwicklung gäbe es doch auch, wenn man einen Stadtpark statt der Parkplätze realisieren würde, meinte hingegen Künstlerin Maria Bentz-Ahrens, die die Fläche auf keinen Fall zubauen würde und die Kammerspiele im Klenzepark richtiger fände. Das Theater brauche den „Raum zum Atmen“.

Auch die Theaterleute selbst meldeten sich zu Wort. Wilhelm Ostermeier war 30 Jahre Kulissenschieber. Der Malersaal brauche Tageslicht, die Werkstätten dürfe man nicht unterirdisch bauen. Theaterpädagogin Nicole Titus schilderte den aktuellen Arbeitsalltag zwischen Innenstadt, kleinem Haus am Brückenkopf und der Probebühne am Baggerweg - viele weite Wege durch die Stadt. Kurze Wege hingegen und ein gut erreichbares, städtisches Umfeld seien wichtig, wenn man Theater mit Kindern und Jugendlichen mache.

Zeitzeugen

Ob es vielleicht jemand gäbe, der den Bau des Stadttheaters in den 60ern noch miterlebt hätte, fragte die Stadtbaurätin ins Publikum. Zwei Zeitzeugen waren dabei: Bauingenieur Reinhard Schmachtl wusste noch um die Tiefen und Untiefen beim Garagenbau unter dem Theater. Er war selbst unten gewesen. Die Fundamente im Wasser, keine statische Belastbarkeit, der Zivilschutzbunker erfordere ganz besondere Armierungen, es gäbe zudem keine Pläne mehr fürs Theater, die seien bei einem Wasserschaden vernichtet worden … Rainer Rupp, Direktor a.D. des Scheinergymnasiums, war als Zwölftklässler viel im Theater unterwegs und wusste, dass die Diskussion um den Bau sehr kontrovers gewesen war. Manche hatten sich nie mit der „Öloper“ angefreundet, die wie angeschwemmt draußen vor der Altstadtmauer lag.

Breite Bürgerbeteiligung

Der Zeitpunkt für die heutige Bürgerbeteiligung sei sehr früh angesetzt. Daher habe  man jetzt noch keine konkrete Planungen und auch die technische Machbarkeit sei noch nicht ganz geklärt sei, unterstrich Kulturreferent Engert. Doch man wolle frühzeitig informieren, was die nächsten Schritte seien und wie der Grundsatzbeschluss zu verstehen sei, den der Tadtrat am 21. Februar fassen würde. Entscheiden, ob der Standort geeignet sei, würde letztlich der Stadtrat. Die Bürgerbeteiligung wolle man breit denken, auch die mitnehmen, die nicht regelmäßig im Theater seien. Ein Internetforum, Vorträge, Begehungen, Infoabende rund um den Architektenwettbewerb sollen zu den Kammerspielen und zur Theatersanierung angeboten werden und neue Ideen dafür seien natürlich willkommen.


Kategorie: Architektur

Aufruf des Stadttheater Ingolstadt | Seit der Spielzeit 2012/13 geht das Stadttheater im Rahmen der »Visionenwerkstatt« in unterschiedlichsten Formaten der Frage nach: Wie denken wir die Stadt der Zukunft? Das bisher größte Projekt richtet sich an diejenigen, denen die Zukunft gehört. Vom 29. Mai bis 12. Juni 2016 wird eine Kinderstadt in und um die Exerzierhalle im Klenzepark entstehen, in der Kinder zwischen sieben und dreizehn Jahren die einmalige Gelegenheit haben, ihre eigene Stadt zu erkunden, zu entdecken und zu gestalten. Die Stadt, die unter der Schirmherrschaft von Herrn Oberbürgermeister Lösel steht, wird vormittags Schulklassen und nachmittags sowie an Samstagen allen Kindern Ingolstadts und der Umgebung kostenlos zur Verfügung stehen. Das Besondere an diesem Projekt: Die Kinderstadt Ingolstadt wird eine Stadt sein, die ganz und gar aus den Wünschen, Träumen und Visionen der Kinder entsteht. Fast 300 Schülerinnen und Schüler aus neun Schulen Ingolstadts und der Umgebung haben im vergangenen Jahr an Workshops zu den Themen Stadt, Regierungsformen und Geld gearbeitet.

Eine großartiger Abend kündigt sich an - aus einer Kunstausstellung hinübergleiten in die spektakuläre Inszenierung eines Stadtspaziergangs, in den in den Aufbruch in eine aufregende Stadt der Zukunft.  Der Kunstverein Ingolstadt e.V. zeigt, erstmals in einer Kooperation mit dem Stadttheater Ingolstadt, die Bildende Künstlerin Simona Koch mit der Ausstellung ORGANISMS und verbindet sich, geradezu organisch, mit der inszenierten Begrünung des Theaters und seines Vorplatzes, entstanden nach der Vorlage einer Fotomontage aus Simona Kochs Werkserie „STADT“, in der sie das leblose Grau unserer Städte durch wuchernde Natur und blühende Gärten ersetzt. Erste Eindrücke hier im Interview des Kulturkanals mit Intendant Knut Weber hier.

In der Galerie im Theater werden vom 20. September bis zum 9. November 2014 weitere Aspekte von Simona Kochs Arbeit gezeigt, die sich auf ihre Publikation ORGANISMS beziehen, die 2012 im Verlag für moderne Kunst erschienen ist. Zu sehen sind Arbeiten, bei denen – unter Einsatz verschiedener Medien – ihre  Faszination für die Spielarten des Lebendigen sichtbar wird. Woher kommt das Leben und wohin wird es sich entwickeln, wie stehen die Lebewesen miteinander in Verbindung und welche Rolle spielt der Mensch in diesem Gefüge? Mit ihren Arbeiten macht Simona Koch das Unsichtbare sichtbar;  gezeichnete Hautlandschaften – Fundstücke des größten Organismus der Erde – filigrane, farbige Zeichnungen, die zeigen, welche Ästhetik das Innere von Lebewesen birgt, sowie der Blick auf den Menschen selbst als Organismus, wie er unablässig Grenzen durch die Welt zieht. Die Besucher sind eingeladen, sich auf eine künstlerische Entdeckungsreise durch die Welt des Lebendigen zu begeben.

Kategorie: Bildende Kunst

review 348Review | Wenn das Stadttheater außer Haus geht, ist es immer etwas Besonderes. Donald Berkenhoff ist wie ein Archäologe unterwegs, verschüttete Ingolstädter Geschichten ans Licht zu holen und mit aktuellen, oft kritischen, Themen zu verweben. Großartig, wie er es immer wieder schafft, dass Hauseigner ihm dafür Tür und Tor öffnen, so wie die Unternehmer Veronika und Fritz Peters (Gebr. Peters), die ihm diesmal die Brunnquell-Villa überlassen haben – für nicht weniger als ausgerechnet eine Hausbesetzung durch radikale Alte, die es gar nicht einsehen, dass so ein großes, bewohnbares Gebäude leer steht. Großartig auch, dass Veronika Peters den ganzen Nachmittag Fragen beantwortete, kleine Geschichten erzählte und sich offen in diese Hausbesetzung begab, die nicht nur Theater war, sondern eben auch eine kritische Auseinandersetzung.

seniorenteller 348Preview | Visionenwerkstatt 2: „Seniorenteller? Nein, danke!“ Eine einmalige szenische Installation von Donald Berkenhoff und Thomas Neumaier in der Brunnquell-Villa | Freitag, 6. Juni von 12 - 22 Uhr

Die Hausbesetzung der Brunnquell-Villa durch rüstige Rentnerinnen und Renter ist Theater. Mit einem Anliegen. Die Vertreibung älterer Menschen aus den Städten, der Verlust des eigenem Heimes und der Würde durch Altersarmut oder Demenz ist die Realität dazu. Mit der Radikalität und Erfahrung des Alters will man jetzt die Kommune-Ideen umsetzen, an denen man als 68er Generation letztlich gescheitert war - so denken und inszenieren Donald Berkenhoff und Thomas Neumaier, beide 68er bzw. heute Ü60er, diese Senioren-Installation.

Die Brunnquell-Villa ist wieder einmal in den Schlagzeilen. Einst Wohnhaus und Atelier der Ingolstädter Unternehmer-Familie Brunnquell, dann kommunalpolitisches Streitobjekt, wird es jetzt auch noch hausbesetzt, von radikalen Alten, die dem Seniorenteller ihre Gesellschaftskritik entgegensetzen.

Patrick Schlegel, 23, gehört zu den jungen Kreativen, die aus dem Kreis um das Ingolstädter Stadttheater und den Szenetreff "Tagtraum" kommen, die ihre Kreativität auch zum Beruf machen wollten. Wie sein Freund und Fotograf Alexander Schuktuew, der Fotografie studiert und kürzlich in der Galerie Bildfläche ausstellte, hat auch Patrick Schlegel Konsequenz gezeigt und eine Ausbildung im kreativen Bereich begonnen.

Schlegel ging nach Leipzig um Schauspiel zu studieren und ist aktuell in Graz am Schauspiel-Institut der Kunstuniversität. Bereits als Jugendlicher hat er - musikalisch, tänzerisch oder schauspielerisch - in zahlreichen Inszenierungen des Stadttheaters mitgewirkt.

Am 25. April feiert Schlegel, diesmal in einer Hauptrolle, Filmpremiere in Graz. Der Streifen "Irgendwas mit Liebe" nimmt die Lebenssituation eines perfekten Liebespaares in den Fokus, das in drei Monaten getrennte Wege gehen wird, weil jeder eben andere Lebensträume hat ...

Kategorie: Film

SandraW290x435Sandra Waldemair ist die Schöpferin der kleinen Katze, die das Maskottchen des Jungen Theaters Ingolstadt werden wird. Noch ist das Stofftier namenlos, doch seit ein paar Wochen werden Vorschläge gesammelt. Vor Weihnachten noch wird sich die Leitungsrunde des Stadttheaters zur Namensauswahl zusammensetzen, fast möchte man schreiben die große Leitungsrunde: der Intendant des Stadttheaters, Knut Weber, Julia Mayr natürlich, als Leiterin des Jungen Theaters, die Dramaturgie mit Donald Berkenhoff, Gabriele Rebholz und Sophie Scherer sowie Sonja Druyen und Hannah Lau von der Öffentlichkeitsarbeit des Hauses. Aus einer Reihe von Vorschlägen, die über die sozialen Netzwerke und vom Theaterpublikum gemacht wurden, wird der Name für die kleine Theaterkatze ausgewählt werden. Auch Sandra Waldemair hat natürlich eine Idee für ihre Katze eingebracht und ist nun gespannt auf das Ergebnis. (s. unten UPDATE).

Wie kommt eine gelernte Optikermeistern dazu, beruflich alles zu ändern und sich dem Gestalten und Herstellen von Kuscheltieren zuzuwenden, dies zur neuen Erwerbsgrundlage und professionell zu machen?

Kategorie: Design

„Ich mag es lieber nüchtern und klar"
Michael Kleinhernes Erzählungen „Drehpause"

Ein schmaler Band mit Erzählungen, welcher doch detailliert und ausgiebig eine Welt beschreibt. Eine Welt, die sich hauptsächlich durch das Schweigen und das Nichtgesagte zusammensetzt. Hier finden die Katastrophen und Zusammenbrüche, die Enden von, ja, vielleicht waren es Beziehungen, vielleicht waren es auch nur Irrtümer, in der Stille statt. Fast jede dieser Erzählungen implodiert. Da wo bei anderen Autoren der Exzess, die Beschimpfungen zu erwarten sind, da hört man bei Kleinherne einfach auf zu sprechen. Manchmal hat man Sex miteinander, damit das Schweigen nicht so schmerzt. Was diese Figuren umgibt, ist eine existenzielle Einsamkeit. Aber es gibt immer wieder den Versuch diese Isolation zu durchbrechen. Indem man eine verloren gegangene Freundin wieder aufsucht, nur um festzustellen, dass sich die Lebenswege soweit voneinander entfernt haben, dass eine tatsächliche Begegnung nicht mehr möglich ist. Aber in dieser Unmöglichkeit sitzt man konkret zusammen und wartet darauf, dass der andere endlich geht. Oder man raucht eine Zigarette mit einer Unbekannten, glaubt, dass in diesem Schweigen eine große Gemeinsamkeit verborgen sein könnte. Und indem die Grenzen der Isolation verletzt werden, wird man schuldig am Tode eines Menschen, oder hätte der sich auch so umgebracht, oder hat er sich gar nicht umgebracht? Diese Fragen entstehen durch die Räume der Nichtkommunikation in diesem Buch. Ständig ist man versucht in die Stille hineinzudenken, mit den eigenen Assoziationen, mit den eigenen Erfahrungen.

Kategorie: Literatur

Die zentrale Figur des Monologs „Meine gottverlassene Aufdringlichkeit“ ist eine - eigentlich kunstleidenschaftliche - Kunsthistorikerin. Mit ihrer Bildungs-Biographie kann sie für Kreative oder Kulturschaffende unserer Zeit stehen, denn einer ihrer Zweifel nährt sich daraus, nichts Anderes, Brauchbareres studiert zu haben. Die Anstrengung Kunst, Kreativität und Wirtschaft zusammen zu bringen zeigt sich im Kleinen (sie kann kaum von ihren Texten leben) und auch im Großen, wenn es um den Wert von Kunst, kreativen und kunst-nahen Berufen geht.

"Wahrscheinlich bin ich Kunsthistorikerin geworden,
weil ich für die wirkliche Wertschöpfung zu unbeholfen bin."

Das Stück von Christoph Nußbaumeder stand im September noch gar nicht auf dem Spielplan des Stadttheaters, wurde ohnehin gerade erst in Berlin uraufgeführt - und geht nun schon in Ingolstadt auf die Bühne. So schnell geht's, wenn ein Dramaturg und Regisseur wie Donald Berkenhoff in engem Kontakt mit Theaterszene und Autoren ist und ein Gefühl für relevante Themen hat – und wenn eine Schauspielerin wie Denise Matthey genau diesen Stoff unbedingt spielen will.

Der Autor und Dramatiker Christoph Nußbaumeder ist inzwischen erfreulich vielfältig mit Ingolstadt verbunden. Er gilt als neuer Vertreter des kritischen Volksstücks, in Nachfolge von Marieluise Fleißer oder Franz Xaver Kroetz. Letztes Jahr hat er Fleißers Roman „Eine Zierde für den Verein“ für die Bühne bearbeitet (UA Okt. 2011 in Ingolstadt). Seine Familiengeschichte „Eisenstein“ wurde im Januar 2012 hier gezeigt. Beide Male sehr erfolgreich inszeniert von Donald Berkenhoff, der offenbar der Meinung ist, Nußbaumeder und die Fleißerstadt Ingolstadt sollten unbedingt und viel miteinander zu tun haben. Und Ingolstadt honoriert dies bisher mit hohen Besucherzahlen und der zunehmenden Freude an der lebendigen Auseinandersetzung mit den gesellschaftskritischen Texten von Fleißer und Nußbaumeder.

bild wohnung donaustrasse280x187Am 1. Dezember hat nun Nußbaumeders "Monolog für eine Frau" Premiere. Denise Matthey spielt die junge Frau um die 30, mit einem Lebenslauf vieler in ihrer Generation, die inzwischen als akademisches Prekariat bezeichnet wird: überdurchschnittlich gebildet, unterdurchschnittlich bezahlt, freiberuflich und mit einem einkommensunsicheren Status.

Für die Aufführung hat die Unternehmerin Veronika Peters dem Theater die Türen geöffnet. Die "Downtown"-Bühne ist dieses Mal eine leerstehende 50er-Jahre-Altbauwohnung in der Donaustraße. Noch mehr Nähe und Realität also für diesen sehr intimen Text, der schon beim Lesen des Stückes, auch unangenehm, berührt. Es ist dabei nicht die Einsamkeit oder der Selbstzweifel der Figur, die Interesse weckt. Es sind eher diese nächtlichen Gedankenkreise und die realen Bezüge, die nachhaltig beschäftigen, wen man sich auf Nußbaumeders Figur einmal eingelassen hatte. Versatzstücke ihres Monologs begegen uns und irritieren: hat man das im Stück gelesen, letztens im Gespräch gehört oder gar selbst gedacht?

Das Stück ist also nachspürbar aktuell und relevant, deshalb veränderte es sich im Lauf der Proben, wenn sich Regisseur, Darstellerin und immer wieder auch der Autor mit der Inszenierung beschäftigen und ihre unterschiedlichen Lebensperspektiven einbringen. Nußbaumeder (34) und Denise Matthey (29) gehören dabei selbst zur Generation ihrer Protagonistin und Berkenhoff läßt z.B. die Fleißersche Erfahrung mit einfließen. Das Ende ist geschrieben und auch noch offen … Man darf auf die Ingolstädter Fassung also gespannt sein.

gottverlassene zeichnung312Donald Berkenhoff führt auf der facebook-Seite des Stadttheaters  mit kleinen Text- und Bildeinspielungen zur Figur hin und zeigt auch einen Bezug zu Marieluise Fleißer auf: „Was tun, wenn man aufs falsche Pferd gesetzt hat? Wenn man etwas studiert hat, für das man sich wirklich interessiert hat? Mit Leidenschaft sich den Künsten verschrieben hat, dann aber feststellt, es gibt keinen Markt mehr für diese Künste? Die junge Frau hat ein erfolgreiches Studium hinter sich. Sie hat sich überall beworben. Bei jedem Museum, bei jeder Galerie. Sie landet da, wo man Kunst nur noch als Ware sieht. Im Auktionshaus. Sie schreibt Texte, die die Versteigerer ablesen. Also Marketingabteilung. Und hier geht es nicht um Epoche, Maler, Technik, hier geht es um eingängige Slogans, Pseudolyrik und Kitsch, um den kunstUNverständigen Sammler, der Werte anlegen möchte, das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das könnte so gut wie jeder. Aber ein Name und ein akademischer Grad unter dem Text machen diesen wertvoller. Und so entstehen in der Nacht die Gedanken: Was hätte sie anders, besser machen können? Im Gehirn entstehen die Alternativen zu ihrem Leben, doch im Alltag versagt die Kraft dieses Leben zu leben. Hier gibt es durchaus Parallelen zu Fleißers "Avantgarde" zu entdecken. Was muss man tun, um in dem Beruf, für welchen man sich "berufen" fühlt, zu arbeiten? Und was ist Arbeit noch wert? Arbeit am Computer, das Verschicken von Dateien? Die einen verschieben Kunstwerke, die anderen Nahrungsmittel, die noch gar nicht hergestellt wurden. Die einen verdienen sich eine goldene Nase, die anderen leben unterhalb der Armutsgrenze. Akademisches Prekariat."

Unbedingt anschauen!   

 

peters tor610x248Premiere am Do., 1. Dezember 2012
20.00 Uhr
Down-Town


Petersche Höfe, ehem. Firmen- und Wohngebäude von Gebr. Peters
Zugang über das Tor zwischen Donaustraße 3 und 5

 

Christoph Nußbaumeder, *1978 in Eggenfelden/Niederbayern; studierte Rechtswissenschaften, Germanistik und Geschichte in Berlin. 2005 erlebte sein Stück »Mit dem Gurkenflieger in die Südsee« die Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen,danach folgten weitere Uraufführungen u. a. an der Schaubühne am Lehniner Platz (Berlin), Nationaltheater Mannheim, Schauspiel Köln und am Schauspielhaus Bochum. Mit »Meine gottverlassene Aufdringlichkeit« wird bereits das dritte Stück von Christoph Nußbaumeder, wieder in der Regie von Donald Berkenhoff, am Stadttheater Ingolstadt inszeniert.
Nußbaumeder gehört übrigens auch zur AUTONAMA, der Fußballnationalmannschaft der deutschen Autoren und hat im 2009 als Mannschafts-Kapitän, u.a. mit Albert Ostermaier und Moritz Rinke, gegen eine Ingolstädter Promimannschaft gespielt (DK, 26.4.2009, Von Dichterfürsten und Flankengöttern).

Donald Berkenhoff, Regisseur, Dramaturg, arbeitete u.a. an den Staatstheatern in Stuttgart, Kassel und Karlsruhe. Lange bevor er wusste, dass er einmal in Ingolstadt arbeiten würde, hat er seine Magisterarbeit über die Dramen von Marieluise Fleißer geschrieben. »Fegefeuer in Ingolstadt« hat er an den Städtischen Bühnen Münster inszeniert. Mit Christoph Nußbaumeder, der in der Presse öfter als der »legitime Enkel« der Fleißer bezeichnet wurde, verbindet ihn die Zusammenarbeit bei den Inszenierungen »Eine Zierde für den Verein« und »Eisenstein«, beide in der Spielzeit 2011/2012 am Stadttheater Ingolstadt.

Bild: Selbstportrait von Denis Matthey, gezeichnet während der Proben zum Stück

Fotos: Hannah Lau, Stadttheater Ingolstadt

www.theater.ingolstadt.de

Die Premiere am 1. Dezember ist bereits ausverkauft. Weitere Termine:
7., 16., 20. Dezember
3., 12., 16. und 25. Januar 2013
Karten gibt es unter Telefon (08 41) 30 54 72 00

 

 

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