Sonntag, 12 Juni 2016 00:51

Architektur pur | Preview im Medizinhistorischen Museum | Ingolstadt

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DMM 348Ingolstadt | Museumsdirektorin Dr. Marion Ruisinger hatte es richtig eingeschätzt: Ingolstadt ist neugierig auf das Gebäude des renommierten Architekten Volker Staab (Berlin). Also lud sie ein zum „Preview Architektur pur“, um den noch leeren Erweiterungsbau zum Dt. Medizinhistorischen Museum zu besichtigen, der bereits als ein Kleinod zeitgenössischer Architektur bezeichnet wird. Ausdrucksstark, ohne mit dem prächtig barocken Hauptgebäude zu konkurrieren, zurückhaltend, ohne sich klein zu machen und im Inneren mit allem, was ein Museumgebäude heutzutage braucht: barrierefrei, ausreichend Funktionsräume, neuer Ausstellungsbereich, Café und Museumshop, hell, großzügig, einladend.

Ingolstadt mit Wow-Effekt!

Das Erweiterungsgebäude besticht vor allem durch den spektakulären Panoramablick, den man durch das sieben Meter breite Fenster im ersten Stock gewinnt. Die historische Altstadt, das Ingolstädter Münster, der Anatomie-Garten zeigen sich hier geradezu mit einem „Wow-Effekt“, so Marion Ruisinger. Ingolstadts Geschichte auf einen Blick, ohne Flat-Screen und 3-D-Animation, als eindrucksvolles Original. Auch die Hohe-Schule gehört mit zu diesem Bild. Ruisinger spricht vom akademischen Dreieck von Ingolstadt, das das Münster als Universitätskirche, die Hohe-Schule als ehemaliges Universitätsgebäude und die Alte Anatomie mit dem Medizinischen Garten bilden. Sie hatte diesen Blick ausdrücklich als Wunsch an die Architektur-Büros gerichtet, die sich am Wettbewerb beteiligt hatten. Nur Volker Staab hatte die Idee aufgenommen und absolut eindrucksvoll umgesetzt. Hier werden künftig der Museumsbesuch und Ausstellungsführungen beginnen und so wird Ingolstadt sicher nachhaltig im Gedächtnis bleiben.

Borkenschokolade, Muskelfaser, Rinde

Diskutiert wurde viel über die Fassade. Metall als Außenhaut, doch mit welcher Struktur, Farbe und wie wirkt so etwas neben der barocken Pracht – irritierend, störend oder eigenständig. Das Team aus Architekten, Stadtbaurätin und Museumsdirektorin hat sich, nicht zuletzt mit dem Gestaltungsbeirat, beraten und schließlich entschieden. Eine weich strukturierte, organisch wirkende Fläche in dunklem Braun. Marion Ruisinger spricht von warmer Schokolade, der freundlichen Rinde eines Baumes, der Struktur einer Muskelfaser …

Haus der schiefen Winkel oder die Kunst der Fuge

Überraschend sind die vielen Räume mit schiefen Winkeln, die vor allem im obersten Stock entstanden sind, weil sich das Bauwerk zugleich zwischen bestehende Gebäude schiebt, sich nach hinten verlängern und vorne etwas zurücktreten sollte. Es hat keinen Dachstuhl, sondern ist wie ein freitragendes Zelt konstruiert. Viel Charakter und Atmosphäre - die Kunst der Fuge.

Natürlich waren, gerade weil es kein normiertes Bauwerk ist, immer wieder die Kosten ein Thema. Diskutiert wurde etwa über die LED-Lampen, die als prägnante, unterschiedlich große Leuchtscheiben, mal höher, mal tiefer im Raum schweben. Hier habe man gekämpft, erzählt die Museumsdirektorin. Leuchtröhren wären die günstigere Alternative gewesen, ist zu hören. Schließlich habe jedoch überzeugt, dass es in schrägen, ungleichmäßig geformten Räumen ungemein schwierig sei, „gerichtetes Licht“ anzubringen: in welche Richtung sollen die Leuchtröhren denn auch zeigen, ohne ein optisches Gewirr aus Deckenlinien, Zimmerkanten zu erzeugen und zugleich umfassend zu beleuchten? „Ungerichtetes Licht“ wurde gebraucht und das waren dann doch die Leuchtscheiben. Wie schön.

Ideen perfekt in gebaute Räume übersetzt

Viele Geschichten über Ideen, Lösungen und Kompromisse hat Marion Ruisinger dabei. Sie ist vom ganzen Prozess des Planes und Bauens mit dem Büro Staab spürbar beeindruckt. Sie habe mit ihrem Team die Funktionen festgelegt, die das Museum brauche. Selbst Überlegungen, in welchen Bereichen die Wege von Mitarbeiterinnen und Publikum sich nicht kreuzen dürften, hatten sie den Architekten mit auf den Weg gegeben. „Und diese haben es perfekt in gebaute Räume übersetzt.“ Die Zusammenarbeit mit dem Büro Staab war ein Glücksfall.

Museum für die Bürgerinnen und Bürger

Das Museum sollte auch ein Ort werden, in dem sich alle aufhalten können, ohne konsumieren zu müssen. Der Übergang zum Bereich der Eintritt kostet und zu den Ausstellungen führt, sollte eindeutig, doch ungezwungen und offen gestaltet sein. Auch dies ist gelungen. Im Erdgeschoß kann jede und jeder den Garten und Musemscafé nutzen, sich dort frei aufhalten und Architektur und Garten genießen. Im Museumsshop schließlich soll es nicht nur Museums-Souvenirs, sondern auch kleine Geschenke sowie das ein oder andere Makabre geben. Parfüme, Kräuter-Arzneien und Schnäpse, medizinische Spiele, Frankenstein-Souvenirs aus Kunstblut, Mikroben und Viren als Plüschtiere … Museumsdirektorin Ruisinger  setzt ihrer Phantasie hier keine Grenzen. Warum auch. Sie ist ein Teil des Erfolgs.

Am Samstag, den 23. Juli 2016 wird der Neubau mit einem Museumsfest eröffnet – nicht verpassen!

Ein Interview mit Museumsdirektorin Dr. Ruisinger führte Isabelle Kreim vom Kulturkanal | hier hören

Im Bayer. Ärzteblatt beschreibt Dr. Marion Ruisinger den Neubau und "die Kunst der Fuge" | hier lesen http://www.bayerisches-aerzteblatt.de/fileadmin/aerzteblatt/ausgaben/2016/06/einzelpdf/BAB_6_2016_315.pdf 

 

Daten

Realisierungswettbewerb 1. Preis 2012
Mitarbeit Petra Wäldle, Annette Leber, Ivan Kaleov, Pia Schreckenbach, Ellena Ehrl, Georg Hana
Planungsbeginn – Fertigstellung 2012 – 2016
Leistungsphasen 2 – 8
Gesamtbaukosten 5,2 Mio €
NF 785 m2
Mitarbeit Realisierung Madina v. Arnim (Projektleitung), Alexander Böhme, Charlotte Stein | Michael Schmid Architekten, Augsburg (Örtliche Bauleitung)

 

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